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Wie haben Sie es mit der Verrechnungssteuer, Thomas Jaussi?

Wie haben Sie es mit der Verrechnungssteuer, Thomas Jaussi?

Thomas Jaussi beantwortet im Rendez-vous unsere – nicht unbedingt fachspezifischen – Fragen.

Erschienen in folgender Publikation:

Wie haben Sie es mit der Verrechnungssteuer, Thomas Jaussi?
Ausgabe
Seite(n)
266–268

Name: Thomas Jaussi

Beruf/Position: Steuerberater und Partner JP Steuer AG, Basel

Familie: verheiratet und zwei Hunde

Hobbys: die üblichen Verdächtigen: Verrechnungssteuer, Hundespaziergänge, Lesen, Theater, Oper und Konzerte.
Selbstverständlich ist die erste Priorität Essengehen mit meiner besseren Hälfte.

Warum wurden Sie Steuerberater? Was wären Sie sonst geworden?

Der Zufall hat für mich ausgewählt: Ich war ein junger Jurist, bei der ESTV war im Rechtsdienst eine Stelle frei, das Bewerbungsgespräch war sympathisch und ich traute mir zu, «Verrechnungssteuer» fehlerfrei buchstabieren zu lernen. Also sagte ich zu und trat – notabene damals noch mit Beamtenstatus – in die grosse Fiskalwelt ein. Nebenbei fehlten mir die Voraussetzungen, um Pilot oder Model zu werden. Bis heute bin ich über diesen Schritt froh.

Leben Sie für das Steuerrecht?

Zumindest lebe ich davon. Nein, ernsthaft: Das Steuerrecht nimmt einen grossen Platz und Stellenwert in meinem Leben ein. Ich bin heute Steuerrechtler aus Leidenschaft. Das Steuerrecht wird immer anspruchsvoller, es ist aber auch schön, wie sich immer wieder neue Herausforderungen stellen und man feststellt, dass man nie ausgelernt hat.

Haben Sie ein Lebensmotto?

Ich betrachte die Welt lieber aus einem halbvollen Glas heraus, als dass ich ein halbleeres Glas in der Hand halte.

Wer oder was ist Ihre Muse?

Ich bewundere Donald Duck. Mit Ehrlichkeit und Tollpatschigkeit, gepaart mit einem Mass Jähzorn, geht er auf bewundernswerte und sympathische Weise durch das Leben.

Steuerlich wurde ich von Conrad Stockar, dem Altmeister der Verrechnungssteuer und der Stempelabgaben, geprägt. Conrad war neben seinen Fachkenntnissen und seiner liebenswerten Persönlichkeit vor allem in dem Sinne ein Phänomen, dass er langsam und bedacht sprach. Ich bin ihm in meiner jugendlichen Ungeduld immer ins Wort gefallen. Er hat mir zugehört und dann seinen von mir unterbrochenen Satz fertig gemacht. Sass er aber dann am Computer, hat er in Sekundenbruchteilen das Besprochene auf Papier gebracht und mich an den Anschlag gebracht: Er schrieb schneller, als ich lesen (und denken) konnte.

Was war Ihr Berufswunsch als Kind – und warum ist nichts daraus geworden?

Ursprünglich wollte ich Kindergärtner werden – dies war damals ausschliesslich Frauen vorbehalten. Lange habe ich mit einem Medizinstudium geliebäugelt. Ich musste jedoch feststellen, dass meine physikalischen, chemischen und technischen Fähigkeiten hierfür zu schwach ausgeprägt sind. Zudem bin ich handwerklich leider wirklich unbegabt: Wehe der Patientin oder dem Patienten, die unter mein Messer gekommen wären.

Welche drei Stichworte beschreiben Ihren Alltag?

Laptop, Laptop und Laptop?

Was macht einen erfolgreichen Steuerberater aus? 

Ich wurde so erzogen, dass man sich alles selbst verdienen muss und möglichst unabhängig sein soll. Zudem denke ich, dass es 1) den Willen zu etwas braucht (blosser Konjunktiv im Sinne von «ich möchte, könnte, täte» reicht meistens nicht, sondern ist nur Ausdruck eines Vorsatzes, den man gar nicht im Sinne hat zu erfüllen), dass 2) man mit Disziplin lernen muss (zumal ich grundsätzlich nicht hochbegabt, sondern als Mittelmass geboren worden bin) und dass 3) das Leben einfacher ist, wenn man das, was man tut, mit Leidenschaft ausübt.

Haben Sie auch mal die Nase voll von Ihrer momentanen Tätigkeit?

Momentane, situative Tiefs kann es geben. Die tiefste Frustration erlebe ich, wenn ich mich für die Bedürfnisse eines Kunden voll reingekniet habe und – in aller Bescheidenheit – stolz auf meine Lösung bin, um dann festzustellen, dass doch alles ganz anders ist als ursprünglich mitgeteilt. Zu einer Fiskal-Depression kam es aber noch nie, und allfällige schlechte Launen schüttle ich in kurzer Zeit wieder ab. Meistens finde ich mich selbst nach kurzer Zeit lächerlich, wenn ich die beleidigte Leberwurst spiele, und komme rasch wieder in den grünen Bereich.

Wie sollte der Titel Ihrer Autobiografie lauten?

Ich habe nicht im Sinne, eine Autobiografie zu schreiben. Ich denke, diese wäre rezeptpflichtig, wegen der Gefahr eines lektürebedingten Komas. Sollte jemand so verrückt sein, eine Biografie zu schreiben und seine Zeit verschwenden wollen, schwebte mir natürlich schon ein Titel wie «Thomas und die unerträgliche Leichtigkeit der Verrechnungssteuer» vor. Ich könnte (sinnbildlich gesprochen, falls die Biografie post mortem erscheinen sollte) auch leben mit «Am Anfang stand die Verrechnungssteuer» oder «Thomas und die Verrechnungssteuer – der Widerspenstigen (fast) Zähmung».

Haben Sie eine amouröse Beziehung zur Verrechnungssteuer, Thomas Jaussi?

Nein, ein «Fiskal-Fetischist» bin ich definitiv nicht. Ich habe eine Leidenschaft für die Verrechnungssteuer, manchmal ist es eine Hassliebe. Spannend ist: Ich habe die Verrechnungssteuer in einem Seminar einmal als «die alte Dame des Steuerrechts» bezeichnet und habe soeben festgestellt, dass wir mit rund zweieinhalb Monaten Altersunterschied (zu meinen Ungunsten) ungefähr gleich lang in Kraft sind.

Wenn Ihr Leben verfilmt würde, welcher Schauspieler bekäme die Hauptrolle?

Hollywood hat sich noch nicht gemeldet. Aber weil es heute über alles Mögliche und Unmögliche irgendeinmal eine Soap gibt, denke ich, dass sich sogar eine SteuerberaterInnen-Serie verkaufen liesse. Mein Vorschlag: «Steuerberaterinnen und Steuerberater als Heldinnen im Deux-piece und Helden mit Krawatte». Das gäbe sicher das neue «Dallas», die neue «Big Bang Theory» oder sogar das neue «Friends». Selbstverständlich möchte ich in dieser Soap integriert sein. Und diesfalls soll mich Richard Gere spielen – aber als er 50 war. Auch mit Pierce Brosnan vor zehn Jahren könnte ich mich anfreunden.

Wen möchten Sie unbedingt auf ein Feierabendbier treffen?

Bei mir wäre es ein Feierabend-Wein – ich kann Bier nicht ausstehen. Ein Tête-à-tête mit Donald Trump wäre sicher eine spannende Herausforderung. Ich würde ihm gerne psychologisch-feinfühlig beibringen, dass der beste Weg für «MAGA» wäre, wenn ausgeprägt narzisstisch-egomane alte weisse Männer christlicher Prägung von fast 80 Jahren sofort in den lang verdienten Ruhestand treten würden.

Was würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?

Auf Dinge und nicht auf Lebewesen (diesfalls meine Frau und unsere zwei Hunde) bezogen: eine Flasche Sauvignon blanc aus der Steiermark, ein Weinglas und einen Flaschenöffner.

Was bringt Sie zum Lachen?

Am meisten Situationskomik. Zum Lachen (und Weinen) bringen mich auch all die netten Leute, denen ich am Morgen und am Abend im Bahnhof ausweichen muss, weil sie kopfhörerbewehrt mit starrem Blick auf ihr Handy durch die Menge wandeln und erschrecken, wenn sie feststellen, dass ihnen jemand entgegenkommt oder im Weg steht. Diese unerwartete Konfrontation mit der echten Welt wirkt komisch.

Worüber haben Sie Ihre Meinung radikal geändert und warum?

Früher war ich der Meinung, dass jeder sich kleiden darf, wie er will. Heute finde ich, dass Trainerhosen in das Wohn- und Schlafzimmer oder in die Turnhalle gehören. Es stört mich auch, wenn Leute in Strandkleidung oder Ähnlichem ins Theater, in die Oper, in gehobene Restaurants etc. gehen. Warum? Ich glaube, ich werde halt doch alt(modisch) …

Was macht Ihnen Angst?

Zwei Sachen beschäftigen mich stark: Ich fürchte mich vor dem Tag, an dem Jugendliche mir ihren Sitzplatz im Bus oder Tram anbieten. Und in dem Moment, wo ein Algorithmus bessere Rulings als ich schreibt, trete ich freiwillig in den Ruhestand.