
Name: Paolo Pamini, Dr. oec. und eidg. dipl. Steuerexperte
Beruf/Position: Nationalrat (TI, SVP), Vizepräsident der WAK-N und der PD-OECD; Lehrbeauftragter für Steuerrecht an der ETHZ; Tax Senior Manager bei PwC Lugano
Familie: verheiratet, drei Kinder
Hobbys: siehe Fragebogen
Vorbemerkung: Philosophisch verstehe ich mich als klassischen Liberalen mit einer deutlichen Affinität zum Libertarismus – viva la libertad, carajo! Akademisch bin ich ein politischer Ökonom mit Vertiefung in institutioneller Ökonomie, Ökonometrie und Finance sowie wissenschaftlichen Publikationen zur Corporate Governance und zu institutionenökonomischen Verzerrungen, etwa im UNESCO-Welterbe-Kontext. Realpolitisch liebe ich die Schweiz als historisches Experiment, das den Idealen von Selbstverantwortung, Föderalismus und Freiheit erstaunlich nahekommt.
Warum wurden Sie Steuerexperte? Was wären Sie sonst geworden?
Zum Steuerrecht kam ich erst nach meiner Promotion im Jahr 2011 bei Bruno S. Frey an der Universität Zürich. Ich wollte in die Privatwirtschaft und meine Frau arbeitete damals bereits in der Steuerberatung als Tax Manager bei Bühler in Uzwil. Einer meiner besten Kollegen, ein Tessiner Rechtsanwalt mit Büro in Zürich, lenkte meine Aufmerksamkeit auf dieses Fachgebiet – eines der wenigen anspruchsvollen und komplexen Berufsbilder, die auch im Tessiner Arbeitsmarkt wirklich präsent sind. Ich fragte Louis Macchi, heute Tax Partner bei PwC Lugano, was dieser Beruf konkret bedeute; wenige Wochen später hatte ich das Bewerbungsverfahren abgeschlossen. Seit nun vierzehn Jahren arbeite ich mit grosser Zufriedenheit und Dankbarkeit in der Steuerberatung von PwC in Lugano, heute mit 60%-Pensum aufgrund meines Mandats als Nationalrat. Den akademischen Bezug konnte ich mit meinen ökonomischen Papers und einem Lehrauftrag an der ETHZ weiterpflegen. Als institutioneller Ökonom faszinieren mich besonders die Anreizwirkungen, die Steuersysteme bei Staaten, Unternehmen und Individuen auslösen, weshalb sich das Steuerrecht als ideales Anwendungsfeld dieses Interesses erwies. Wäre ich diesen Weg nicht gegangen, hätten mich wohl die akademische Welt oder die politische Philosophie absorbiert. Dort würde mir aber der Bezug zu den Kunden sehr fehlen.
Leben Sie für das Steuerrecht/für die Politik?
Ich lebe für die Ideen dahinter: Als Ökonom und klassischer Liberaler mit einer über zwanzigjährigen Verbindung zum Liberalen Institut Zürich sehe ich Politik und Steuerrecht als jene Arena, in der man die eigenen Überzeugungen täglich testen kann. Ich hatte das Privileg, grosse Denker – darunter mehrere Nobelpreisträger – persönlich kennenzulernen; sie alle betonten die Verbindung zwischen Eigentumsschutz und institutionellen Anreizen. Gerade weil Staat und Steuerpolitik das Eigentum schützen sollten, aber in der Realität oft dessen grösste Bedrohung darstellen, sehe ich hier meinen intellektuellen Kampfplatz.
Haben Sie ein Lebensmotto?
Nichts ist praktischer als eine gute Theorie.
Haben Sie eine (geheime) Leidenschaft (neben dem Steuerrecht)?
Viele. Ich geniesse die hervorragende Küche meiner Frau, gemeinsame Entdeckungen in guten Restaurants, Aktivitäten mit meinen Kindern und alles, was mit neuer Technologie zu tun hat. Die ungewöhnlichste Leidenschaft ist jedoch die stereoskopische Fotografie, die ich noch heute mit den alten Kameras meines Grossvaters pflege.
Wer oder was ist Ihre Muse?
Meine Muse ist die Kohärenz der Wahrheit, oder zumindest der ehrliche Versuch, sich ihr Schritt für Schritt zu nähern – intellektuell, politisch, menschlich.
Was war Ihr Berufswunsch als Kind – und warum ist nichts daraus geworden?
Ich hatte nie einen einzigen Berufswunsch, sondern zu viele Leidenschaften: Geschichte, Mathematik, Philosophie, Politik. Die humanistische Matura mit Latein öffnete mir viele Türen und das Studium der Ökonomie erlaubte mir, all diese Interessen zu verbinden. In der Steuerpolitik fand ich schliesslich das passende Terrain, auf dem man analytische Klarheit mit realen institutionellen Auseinandersetzungen verbinden kann.
Welche drei Stichworte beschreiben Ihren Alltag?
Planen, die Pläne durch Begegnungen über den Haufen werfen und dennoch bis zum Abend etwas abschliessen. Dazu ständig neugierig sein und nach neuer Inspiration suchen.
Was bringt Sie auf die Palme?
Inkonsequenz – besonders im Denken. Und ich werde zunehmend ungeduldig, wenn mir jemand nichts Neues erzählt. Gleichzeitig kann ich stundenlang zuhören, wenn mich jemand über mein eigenes Wissensgebiet hinausführt.
Wo liegt Ihr Sehnsuchtsziel?
Überall dort, wo Ruhe, Geschichte und geistige Perspektiven zusammenkommen – Orte, die einen anregen und zugleich erden.
Was macht einen erfolgreichen Steuerexperten aus?
Die Fähigkeit zu verstehen, warum eine Norm genau so formuliert ist: ihre Entstehungsgeschichte, ihren politischen Kontext, ihre ökonomischen Ziele und ihre tatsächlichen Anreizwirkungen. Ich habe ein schlechtes Gedächtnis und musste deshalb immer verstehen statt auswendig lernen – im Rückblick konnte ich aus dieser Schwäche ein Stärke machen.
Haben Sie auch mal die Nase voll?
Forschung, Politik und Beratung inspirieren mich gleichermassen. Einzige Ausnahme sind die zunehmend komplexen Compliance- und Risk-Management-Pflichten – nachvollziehbar, aber selten erfüllend.
Was tun Sie in Ihrer Freizeit?
Die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmt oft: In der Freizeit verbringe ich viel Zeit mit Familie; ein Glück, wofür ich sehr dankbar bin.
Wen möchten Sie unbedingt auf ein Feierabendbier treffen?
Jede Person mit mehr Erfahrung und mehr Intelligenz als ich – solche Begegnungen verändern Perspektiven.
Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, welche wären das?
Eigentlich nur zwei: eine Welt voller kleiner Monacos, Liechtensteins oder kleiner Kantone – Orte, in denen Freiheit und Eigenverantwortung funktionieren und wo der Staat notwendigerweise schmal bleibt; – und der zweite Wunsch wäre die Möglichkeit, unendlich viele weitere Wünsche äussern zu dürfen.
Welches Buch lesen Sie gerade?
Abends lese ich mit meinen Kindern die Märchenbücher ihrer Wahl, und parallel dazu Karl Viktor von Bonstettens Briefe über die italienischen Ämter: Lugano, Mendrisio, Locarno, Valmaggia (1795–1797) – ein aussergewöhnliches Werk, das mein Heimatgebiet mit scharfem Blick und feiner Sensibilität beschreibt. Daneben höre ich auch viele liberalkonservative Podcasts, etwa jene von Jordan B. Peterson oder die dreistündigen Interviews von Joe Rogan mit führenden Persönlichkeiten aus aller Welt. Ihre Inhalte inspirieren mich sehr.
Gibt es etwas, das Sie extrem nervt im Steuerbereich?
Ja: die progressive Besteuerung, eine Idee, die erstmals prominent im Kommunistischen Manifest von 1848 auftauchte und dennoch unreflektiert bis heute überlebt hat. Weitere Punkte verschweige ich aus Respekt vor laufenden parlamentarischen Arbeiten.
Glauben Sie an eine höhere Macht?
Ich glaube, ja.
Wem würden Sie diese Fragen auch gerne stellen?
Meiner Frau – habe ich soeben gemacht.
