{"id":6204,"date":"2021-02-28T10:51:42","date_gmt":"2021-02-28T09:51:42","guid":{"rendered":"https:\/\/steuerportal.ch\/?post_type=sht_proarticle&#038;p=6204"},"modified":"2021-03-01T13:02:21","modified_gmt":"2021-03-01T12:02:21","slug":"die-zeit-ist-reif","status":"publish","type":"sht_proarticle","link":"https:\/\/steuerportal.ch\/fr\/articles-specialises\/die-zeit-ist-reif\/","title":{"rendered":"Die Zeit ist reif"},"content":{"rendered":"<p>&laquo;Zu viele Frauen auf Chefposten &ndash; Paris entgeht knapp einer Geldbusse&raquo;, berichtete die Basler Zeitung am 28.&nbsp;Januar 2021. Da 70&nbsp;Prozent der Ministerposten der Stadt Paris mit Frauen besetzt worden waren, stellte sich die Frage, ob eine Diskriminierung von M&auml;nnern vorliege. Aber die Zukunft hat nicht nur in Paris Einzug gehalten: Seit den Stadtratswahlen vom 29.&nbsp;November 2020 sind 70&nbsp;Prozent des Berner Stadtrates weiblich. &laquo;Helvetia ruft!&raquo; war das Motto der nationalen Wahlen 2019 &ndash; und die Frauen kamen, der Anteil der Frauen im Nationalrat erh&ouml;hte sich von 32 auf 42&nbsp;Prozent, im St&auml;nderat von 15 auf 26&nbsp;Prozent. Und eine Meldung aus der Bildung: Die Maturit&auml;tsquote der Frauen liegt heute bei &uuml;ber 50&nbsp;Prozent und es erwerben im Durchschnitt &uuml;ber alle F&auml;cher mehr Frauen als M&auml;nner einen Universit&auml;tsabschluss.<\/p><p>&laquo;Vor 30&nbsp;Jahren waren noch 70&nbsp;Prozent aller Familienhaushalte traditionell als Einverdienerehe organisiert. Heute sind es noch knapp 50&nbsp;Prozent. Die Erwerbsquote verheirateter Frauen mit Kindern stieg dementsprechend sehr deutlich an. Grund daf&uuml;r ist zum einen vielfach die &ouml;konomische Notwendigkeit, zum anderen aber oft auch ein gewandeltes Rollenverst&auml;ndnis der Ehepaare. Die steuerlichen Rahmenbedingungen folgten diesen Ver&auml;nderungen nur bedingt&raquo;<sup><a data-fnq id=\"fnq1\" href=\"#fn1\">1<\/a><\/sup>, schrieb schon 2004 eine Arbeitsgruppe aus Bund, Kantonen und Wissenschaft in einer 160&nbsp;Seiten starken Studie zur Frage der Einf&uuml;hrung der Individualbesteuerung.<\/p><p>Was die Gegner des Frauenstimmrechts im Vorfeld der Abstimmung von 1971 gef&uuml;rchtet hatten, ist offensichtlich eingetroffen: Die Frauen sind selbst&auml;ndiger geworden, gest&auml;rkt durch die politische Teilhabe, den Gleichstellungsartikel in der Verfassung (1981) das neue Eherecht (1988), das Gleichstellungsgesetz (1996) und besseren Zugang zu Bildung und Weiterbildung. Aus Freude an der Berufst&auml;tigkeit und\/oder &ouml;konomischer Notwendigkeit sind immer mehr Frauen berufst&auml;tig, stehen finanziell auf eigenen Beinen, die Zahl an Konkubinats- und Einelternfamilien hat zugenommen, steigende Scheidungsraten f&uuml;hren den Frauen die Notwendigkeit finanzieller Unabh&auml;ngigkeit vor Augen.<\/p><p>Die Gesellschaft hat sich in den vergangenen 50&nbsp;Jahren seit der Einf&uuml;hrung des Frauenstimmrechts ver&auml;ndert &ndash; ist auch die tats&auml;chliche Gleichstellung der Frauen erreicht?<\/p><p>Auf die guten folgen die schlechten Nachrichten: Trotz der guten Ausbildung der Frauen bewegt sich der Anteil an Professorinnen nach wie vor um die 20&nbsp;Prozent, der Anteil der Frauen in den Gesch&auml;ftsleitungen der Privatwirtschaft betr&auml;gt lediglich 10&nbsp;Prozent, bei den &ouml;ffentlichen Betrieben sind es immerhin 20&nbsp;Prozent, und bei den Verwaltungsr&auml;ten k&ouml;nnten wir es in ein paar Jahren dank der weichen Frauenquote im revidierten Aktienrecht immerhin schaffen, die Quote von 30&nbsp;Prozent zu erreichen.<sup><a data-fnq id=\"fnq2\" href=\"#fn2\">2<\/a><\/sup><\/p><p>Was sind die Gr&uuml;nde? Immer dieselben: Ein mangelhaftes Angebot an Betreuungspl&auml;tzen f&uuml;r die Kinder und falsche Anreize bei der Besteuerung bewirken, dass Frauen im entscheidenden Alter aus dem Erwerbsleben ausscheiden oder ihr Pensum massiv reduzieren. Das verbaut Karrierechancen und mindert im Alter die Rente.<\/p><p>Die vorg&auml;ngig zitierte Studie von 2004 &uuml;berl&auml;sst es der Politik, wie sie letztlich die Familienbesteuerung revidieren will, jedes System habe seine Vor- und Nachteile.<\/p><p>Klar Stellung bezieht in dieser Frage Prof.&nbsp;Dr.&nbsp;Andrea Opel, Professorin f&uuml;r Steuerrecht an der Uni Luzern, in ihrem Beitrag im vorliegenden Heft: Das Schweizer Steuersystem benachteiligt Frauen<sup><a data-fnq id=\"fnq3\" href=\"#fn3\">3<\/a><\/sup>&nbsp;&ndash; von Avenir Suisse wird es gar als &laquo;frauenfeindlich&raquo; bezeichnet.<sup><a data-fnq id=\"fnq4\" href=\"#fn4\">4<\/a><\/sup>&nbsp;Einig ist man sich von links bis rechts, dass die Heiratsstrafe bei der direkten Bundessteuer abgeschafft werden soll, welche bewirkt, dass sich berufliche T&auml;tigkeit f&uuml;r verheiratete Zweitverdienende (meist die Frau) h&auml;ufig nicht lohnt, dies im Gegensatz zur Situation bei den Konkubinatspaaren. Gestritten wird allerdings dar&uuml;ber, mit welcher Reform des Steuersystems dies geschehen soll, mit irgendeiner Form von Splitting oder mit der (modifizierten) Individualbesteuerung. Opel pl&auml;diert klar f&uuml;r die modifizierte Individualbesteuerung, da Splittingmodelle die Einverdienerfamilie immer bevorzugen w&uuml;rden und die negativen Erwerbsanreize f&uuml;r Zweitverdienende nur mit einer Form von Individualbesteuerung abgebaut werden k&ouml;nnten.<\/p><p>Jede Steuerreform kennt Gewinnerinnen und Verlierer. Wenn niemand h&ouml;her belastet werden soll, eine bisher benachteiligte Gruppe jedoch entlastet &ndash; dann wird es teuer.<\/p><p>Dazu schreibt Opel lakonisch: &laquo;Auch d&uuml;rfte die Mehrbelastung gewisser Personengruppen hinzunehmen sein, namentlich solcher, die steuerlich bislang allein vom Eheband profitiert haben, was sich heutzutage nicht mehr rechtfertigt.&raquo;<sup><a data-fnq id=\"fnq5\" href=\"#fn5\">5<\/a><\/sup>&nbsp;Das Alleinern&auml;hrermodell habe sp&auml;testens seit Anfang des 21.&nbsp;Jahrhunderts ausgedient &ndash; klare Worte!<\/p><p>Jede Statistik gibt Opel recht &ndash; aber die Ver&auml;nderung muss auch in den K&ouml;pfen stattfinden. Ein deutliches Signal in diese Richtung war die Abstimmung &uuml;ber die Erh&ouml;hung der Drittbetreuungskosten und der Kinderabz&uuml;ge bei der direkten Bundessteuer in der Abstimmung vom 17.&nbsp;Mai 2020.<sup><a data-fnq id=\"fnq6\" href=\"#fn6\">6<\/a><\/sup>&nbsp;W&auml;hrend eine Erh&ouml;hung der Drittbetreuungskosten unbestritten war (Kostenpunkt grob gesch&auml;tzt 10 Mio.), h&auml;tte die Erh&ouml;hung der Kinderabz&uuml;ge (Steuerausfall von rund 370&nbsp;Mio.) gut verdienende Einverdienerfamilien am meisten beg&uuml;nstigt &ndash; diesem Ansinnen wurde eine klare Absage erteilt.<\/p><p>Die von Opel behandelten Studien von Ecoplan und Avenir Suisse zeigen in aller Deutlichkeit: Die Individualbesteuerung setzt die besten Anreize f&uuml;r die berufliche T&auml;tigkeit von Zweitverdienenden, meist Frauen, sie hat den gr&ouml;ssten Besch&auml;ftigungseffekt, wirkt damit dem Fachkr&auml;ftemangel entgegen und st&auml;rkt die finanzielle Unabh&auml;ngigkeit der Frauen.<sup><a data-fnq id=\"fnq7\" href=\"#fn7\">7<\/a><\/sup><\/p><p>Die Umstellung bringt einen einmaligen Mehraufwand mit sich, wie jede Reform, und die fortschreitende Digitalisierung wird den wiederkehrenden Mehraufwand durch die Zunahme der Veranlagungen teilweise kompensieren. Die sich &auml;ndernden Lebensformen und Wertvorstellungen machen gemeinsame Veranlagungen ohnehin zunehmend komplizierter: Junge Frauen wollen bei der gemeinsamen Veranlagung z.&thinsp;B. nicht mehr automatisch die Nummer&nbsp;2 sein, sondern w&auml;hlen k&ouml;nnen, wie dies bei eingetragenen Partnerschaften der Fall ist. Der Widerstand in den Steuerverwaltungen br&ouml;ckelt: Sonderw&uuml;nsche von Paaren stehen dem Druck nach zunehmender Digitalisierung entgegen &ndash; auf Dauer d&uuml;rfte es einfacher sein, wenn jede und jeder einfach seine Steuererkl&auml;rung ausf&uuml;llt. Bis zu einer Heirat ist dies schliesslich auch der Fall!<\/p><p>Die Einf&uuml;hrung der Individualbesteuerung ist f&uuml;r die tats&auml;chliche Gleichstellung ein folgerichtiger Schritt, hat bisher aber keine politischen Mehrheiten gefunden. Im Dezember&nbsp;2020 haben nun aber beide R&auml;te dem Antrag zugestimmt, den Bundesrat &uuml;ber das Legislaturprogramm zur Ausarbeitung einer Botschaft zur Individualbesteuerung zu verpflichten. Druck aufsetzen wird hier zus&auml;tzlich die Initiative der FDP-Frauen, getragen von einem breit abgest&uuml;tzten Komitee, welche eine zivilstandsunabh&auml;ngige Besteuerung verlangt &ndash; verstanden als Einf&uuml;hrung der Individualbesteuerung.<sup><a data-fnq id=\"fnq8\" href=\"#fn8\">8<\/a><\/sup><\/p><p>Die Zeit ist reif! Das zeigt auch diese Sonderausgabe der Steuer Revue aus Anlass von 50&nbsp;Jahren Frauenstimmrecht, in der sich f&uuml;r einmal ausschliesslich Steuerexpertinnen verschiedenen steuerlichen Themen widmen. Die Beitr&auml;ge zeigen, dass nicht nur die Familienbesteuerung gesellschaftlich &uuml;berholt ist, sondern dass es auch bei der Erbschafts- und Schenkungssteuer f&uuml;r Ehe- bzw. Konkubinatspaare nicht mehr zu rechtfertigende Differenzen gibt. Dass frauenspezifische Produkte st&auml;rker besteuert werden (&laquo;Tamponsteuer&raquo;) und wir beim Coiffeur einfach grunds&auml;tzlich mehr bezahlen, wird ebenso thematisiert wie die Gleichberechtigung von Frau und Mann bei der beruflichen Vorsorge oder Fragen bei der (stillen) Mitunternehmerschaft unter Ehegatten; &ndash; steuerliches Expertenwissen, ganz in der Tradition der ersten ordentlichen Rechtsprofessorin der Schweiz, Professorin Irene Blumenstein-Steiner, die 1964 Ordinaria f&uuml;r Steuerrecht an der Universit&auml;t Bern wurde, mit deren Kurzbiographie der Band abschliesst.<\/p><p>Nun w&uuml;nsche ich eine spannende Lekt&uuml;re und bin optimistisch, dass es nicht noch einmal 50&nbsp;Jahre dauert, bis wir auch die letzten H&uuml;rden genommen haben zur tats&auml;chlichen Gleichstellung von Frau und Mann!<\/p><div class=\"wp-block-sht-footnotes b-footnotes\">\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fussnoten<\/h2>\n\n\n\n<p id=\"fn1\" class=\"b-footnote\">Studie der Arbeitsgruppe Individualbesteuerung zu einer Einf&uuml;hrung der Individualbesteuerung im Bund und in den Kantonen in Erf&uuml;llung des Postulats Lauri (02.3549), Bern, Juli&nbsp;2004, 1.<a href=\"#endnote1\">1<\/a><\/p>\n\n\n\n<p id=\"fn2\" class=\"b-footnote\">Transparenz an der Spitze, Die F&uuml;hrungsgremien der Schweizer Wirtschaft und des &ouml;ffentlichen Sektors, hrsg. von der Guido Schilling AG.<a href=\"#endnote2\">2<\/a><\/p>\n\n\n\n<p id=\"fn3\" class=\"b-footnote\">Vgl. den Beitrag von&nbsp;Andrea Opel in diesem Heft, 182 ff.<a href=\"#endnote3\">3<\/a><\/p>\n\n\n\n<p id=\"fn4\" class=\"b-footnote\">M&uuml;ller\/Salvi, Frauenfeindliche Familienbesteuerung, hrsg. von Avenir Suisse, Z&uuml;rich&nbsp;2020, 3.<a href=\"#endnote4\">4<\/a><\/p>\n\n\n\n<p id=\"fn5\" class=\"b-footnote\">Opel, (Fn. 3), StR 2021, 182 ff., 199.<a href=\"#endnote5\">5<\/a><\/p>\n\n\n\n<p id=\"fn6\" class=\"b-footnote\">Vgl. Botschaft vom 9.5.2018 zu einer &Auml;nderung des Bundesgesetzes &uuml;ber die direkte Bundessteuer (steuerliche Ber&uuml;cksichtigung der Kinderdrittbetreuungskosten), BBl&nbsp;2018&nbsp;3019&nbsp;ff.<a href=\"#endnote6\">6<\/a><\/p>\n\n\n\n<p id=\"fn7\" class=\"b-footnote\">Ecoplan, Auswirkungen einer Individualbesteuerung, Vergleich verschiedener Steuersysteme der Schweiz, Forschungsbericht vom 23.4.2019;&nbsp;M&uuml;ller\/Salvi, (Fn.&nbsp;4), Avenir Suisse 2020.<a href=\"#endnote7\">7<\/a><\/p>\n\n\n\n<p id=\"fn8\" class=\"b-footnote\">Eidgen&ouml;ssische Volksinitiative &laquo;Einf&uuml;hrung der zivilstandsunabh&auml;ngigen Individualbesteuerung (Steuergerechtigkeits-Initiative)&raquo;, die am 9.3.2021 lanciert werden soll.<a href=\"#endnote8\">8<\/a><\/p>\n<\/div><p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorwort von Eva Herzog zur Spezialausgabe der Steuer Revue (3\/2021).<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"authors":[{"ID":997,"display_name":"Eva Herzog","first_name":"Eva","last_name":"Herzog","description":"<p>Dr. phil. hist., St\u00e4nder\u00e4tin Basel-Stadt<\/p>\n","image":"https:\/\/steuerportal.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Eva-Herzog_sw-220x220.jpg","organiser_data":[],"url":"https:\/\/steuerportal.ch\/fr\/autoren\/eva-herzog\/"}],"related_sht_promodule":["<a href=\"https:\/\/steuerportal.ch\/fachmodule\/steuerrevue\/diverses\/\">Steuer Revue &#8594; 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