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Warum Richterin, Raphaëla Nanzer?

Raphaëla Nanzer beantwortet im Rendez-vous unsere – nicht unbedingt fachspezifischen – Fragen.

Erschienen in folgender Publikation:

Warum Richterin, Raphaëla Nanzer?
Ausgabe
Seite(n)
403–405

Name: Raphaëla Nanzer

Beruf/Position: Präsidentin des erstinstanzlichen Steuergerichts des Kantons Bern

Familie: seit 34 Jahren mit meinem Partner zusammen

Hobbys: Sport, Reisen, Freunde, lesen, kochen

Warum wurden Sie Richterin? Was wären Sie sonst geworden?

Das hängt eventuell mit meinem Werdegang zusammen. So habe ich nach der Ausbildung zur eidg. dipl. Immobilienverwalterin und -treuhänderin sowie dem Wirtschaftsstudium an der (damaligen) HWV in Bern Rechtswissenschaften studiert. Im Rahmen meines Anwaltspraktikums in einer auf Steuerrecht spezialisierten Kanzlei in Bern hat sich dann gezeigt, dass sich das Steuerecht ideal eignet, mein bisher erarbeitetes Wissen zu vereinen.

Als sich dann nach fünf Jahren Tätigkeit als nebenamtliche Richterin am erstinstanzlichen Steuergericht des Kantons Bern die Möglichkeit ergeben hat, als vollamtliche Richterin zu kandidieren, habe ich diese Chance gepackt. Wenn es nicht geklappt hätte, wäre ich vermutlich noch als Steueranwältin tätig.

Sie haben erst auf dem zweiten Bildungsweg studiert. Was hat Sie dazu bewogen, diesen zweiten Schritt zu machen?

Ich hatte bereits während der Wirtschaftsmittelschule eine gewisse Affinität in die Richtung der Rechtslehre bzw. der Rechtswissenschaften gehabt, die sich dann während des Wirtschaftsstudiums, welches ich berufsbegleitend absolviert habe (ich habe im Treuhandbereich gearbeitet), konkretisiert hat. Es hat sich die Frage gestellt, ob ich eher Richtung Wirtschaftsprüfung gehen möchte nach Abschluss der HWV oder noch Jus studiere. Ich habe mich dann für Letzteres entschieden und es bis heute nicht bereut. Meine Vorbildung und meine praktische Berufserfahrung im Bereich der Buchhaltung bzw. -führung sind dabei sicherlich nicht hinderlich für meine aktuelle Tätigkeit.

Was macht eine erfolgreiche Richterin aus?

Fundiertes Fachwissen, eine rasche Auffassungsgabe, die Gabe, komplexe Sachverhalte rasch zu analysieren und zu strukturieren, eine präzise Arbeitsweise und Organisationstalent. Menschenkenntnis ist auch nicht zu vergessen – und Empathie.

Leben Sie für das Steuerrecht?

Es gibt neben dem Steuerrecht noch viel anderes, das mir mindestens gleich wichtig ist und wofür ich mich auch gerne engagiere. Jedenfalls kann ich aber sagen, dass ich für das Steuerrecht ein ausgesprochenes Interesse hege und ich meine Tätigkeit als Steuerrichterin sehr gerne und mit viel Engagement ausübe.

Wo engagieren Sie sich ausserhalb des Steuerrechts?

Ganz allgemein bemühe ich mich im Alltag, junge und motivierte Talente zu fördern und zu fordern und mich für sie einzusetzen. Ein grösseres Engagement hat sich bei Ausbruch des Ukraine-Kriegs ergeben: Ein Freund, der sich im Kanton Bern um minderjährige unbegleitete Asylsuchende kümmert, hat uns um Unterstützung bei der Unterbringung von Waisenkindern und ihren Betreuungspersonen angefragt. Wir haben uns dann für (bezahlbare) Unterkünfte eingesetzt und auch solche gefunden. Aus diesem Engagement ist ein weitergehendes und andauerndes Engagement entstanden.

Waren Sie gut in der Schule?

Ja.

Was waren Ihre Lieblingsfächer? Gab es schon in der Schule Anzeichen dafür, dass Sie einmal Richterin werden würden?

In der obligatorischen Schulzeit machten mir die Sprachfächer am meisten Spass. Später interessierten mich dann die Wirtschaftsfächer und Buchführungsfragen.

Bezüglich der Frage, ob es während der Schule schon Anzeichen gab, dass ich mal Richterin werden würde, habe ich mir erlaubt, diese einer guten und langjährigen Freundin zu stellen – und sie hat gemeint, «für uns (Klassenkollegen und -kolleginnen) war immer klar, dass du Richterin oder Staatsanwältin werden würdest». Für mich indes überhaupt nicht, zumal ich auch keiner Partei angehöre, was die Sache nicht zwingend vereinfacht hat, spielt bei Richterwahlen die Parteizugehörigkeit doch eine nicht unwesentliche Rolle.

Haben Sie ein konkretes Vorbild/Vorbilder?

Ein konkretes Vorbild habe ich nicht. Sehr viele Menschen haben mich geprägt und unterstützt auf meinem bisherigen Lebensweg. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar.

Was tun Sie in Ihrer Freizeit? Haben Sie überhaupt welche? Welches sind Ihre Lieblingsorte, um auszuspannen?

Sport treiben, in der Natur sein, Freunde treffen und Reisen/Kurztrips unternehmen, lesen. Ich geniesse es auf dem Neuenburgersee beim Segeln, zu Hause im Garten oder auf der Terrasse. Ein weiterer Lieblingsort ist auch das Haus in Spanien, dort geniessen wir vor allem die Ruhe und das Sich-treiben-Lassen ohne die Hektik des Alltags und ohne Termine. Und manchmal braucht es auch das Gegenteil von Ruhe und dann geht es auf einen Städtetrip.

Wellness oder Städtereise?

Eigentlich schliesst das eine das andere ja nicht aus; ansonsten Städtereise, das kann jedenfalls gut mit Shopping kombiniert werden. : )

Haben Sie ein Lebensmotto?

Das Glas ist halb voll und nicht halb leer.

Bier oder Rotwein? ; )

Definitiv Rotwein (da ich kein Bier mag).

Was bringt Sie auf die Palme?

Arroganz, Unfreundlichkeit und Feindseligkeit, Halbherzigkeit und Schludrigkeit.

Wo liegt Ihr Sehnsuchtsziel?

Um ehrlich zu sein – das wechselt ab und an auch, je nachdem, wohin eine (nächste) Reise hingehen soll. Afrika gehört sicherlich dazu.

Was reizt Sie an Afrika?

Die Natur und die Wärme und Herzlichkeit der Menschen. Die Menschen strahlen eine Zufriedenheit und Zuversicht aus, auch wenn ihre Lebensbedingungen oft sehr hart sind. Wir haben so viele schöne Begegnungen gehabt und unglaubliche Menschen kennen gelernt. Die Kontakte halten teilweise bis heute an und sind sehr bereichernd. Und natürlich reizen auch die grossen wilden Tiere, wenn sie denn aus sicherem Abstand beobachtet werden können.

Was würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen (nicht mehr als drei Dinge)?

Wie bereits andere Personen hier im Rendez-vous interpretiere ich «Dinge» grosszügig: meinen Partner, das Natel und eine warme Decke.

Welches Buch lesen Sie gerade?

«Zeitenwende» von Carmen Korn.

Welchen Rat würden Sie Ihrem jüngeren Selbst geben?

Geh Deinen Weg.

Haben Sie schon einmal so richtig Glück gehabt? Was ist passiert?

Ja, bei einem schweren Autounfall in meiner Jugend, von dem ich mich glücklicherweise wieder vollumfänglich erholt habe.

Wem würden Sie diese Fragen auch gerne stellen?

Allen, die das hier lesen.