Das Steuerrecht auf einen Blick

MWST - Ein Praxisbeispiel zum Vorsteuerabzug

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Von Graffenried AG Treuhand

Die bis Ende 2016 nicht für MWST-Zwecke registrierte "Computerhandel GmbH" wurde auf den 1. Januar 2017 obligatorisch MWST-pflichtig. Hat die Registrierung Einfluss auf den Vorsteuerabzug auf vergangenen MWST-belasteten Anschaffungen?

Ausgangslage Computerhandel GmbH

Die Computerhandel GmbH (nachfolgend GmbH) wurde am 25. März 2015 mit Aufnahme der unternehmerischen Tätigkeit im Handelsregister eingetragen. Bei Aufnahme der Tätigkeit war nicht absehbar, dass die für die obligatorische MWST-Pflicht massgebende Umsatzgrenze von CHF 100‘000 aus steuerbaren Leistungen im Inland innerhalb der nächsten 12 Monate überschritten wird.
Auch nach erneuter Überprüfung drei Monate später waren die Voraussetzungen für die obligatorische MWST-Pflicht nicht erfüllt und die GmbH wurde zu Recht nicht für MWST-Zwecke registriert.

Die GmbH wollte nicht auf die Befreiung von der Steuerpflicht verzichten, weil der Grossteil der Kundschaft Privatpersonen sind, welchen sie die MWST nicht zusätzlich überwälzen kann.

Kostenfaktor statt Abzug

Im Verlaufe des Jahres 2015 hat die GmbH Computer im Wert von CHF 54‘000 inkl. MWST angeschafft und in der Buchhaltung entsprechend aktiviert. Zudem wurde die komplette Verwaltungsinfrastruktur wie Notebooks, Drucker, Kopierer, Schreibtische, Bürostühle, usw. im Umfang von CHF 16‘200 inkl. MWST eingekauft. Da zu diesem Zeitpunkt keine Steuerpflicht bestand, durfte die Vorsteuer auf diesen Anschaffungen nicht in Abzug gebracht werden und mutierte entsprechend zum Kostenfaktor.

Mangels Überschreitung der massgebenden Umsatzgrenze von CHF 100‘000 wurde die GmbH auch im Jahr 2016 nicht MWST-pflichtig. In diesem Jahr hat sie weitere Computer im Umfang von CHF 108‘000 inkl. MWST eingekauft und ins Warenlager gelegt.

Eintrag im MWST-Register

Das Jahr 2016 war sehr erfolgreich und die GmbH erzielte einen Umsatz von CHF 130‘000 aus den Computerverkäufen. Da die für die obligatorische MWST-Pflicht massgebende Umsatzgrenze nun überschritten wurde, musste sich die GmbH auf den 1. Januar 2017 im MWST-Register eintragen lassen. Ab diesem Zeitpunkt müssen auch die Einnahmen aus den Computerverkäufen entsprechend versteuert werden. Im Gegenzug darf die GmbH die auf den Leistungsbezügen lastende MWST vollumfänglich als Vorsteuer in Abzug bringen.

Anlässlich eines MWST-Seminars ist die Inhaberin der GmbH auf uns zugekommen und hat gefragt, ob sie aufgrund der Steuerpflicht Spezielles zu beachten habe. Nachdem sie über die bisherige "Lebensgeschichte" der GmbH berichtet hat war klar, dass die GmbH die bis anhin nicht in Abzug gebrachte Vorsteuer auf dem Warenlager (Computer) und den aktivierbaren Anschaffungen im Zusammenhang mit der Verwaltungsinfrastruktur nachträglich auf dem Zeitwert in Abzug bringen darf (Vorsteuerkorrektur Einlageentsteuerung).

Berechnung Einlageentsteuerung

(Art. 32 MWSTG)

Per 1. Januar 2017 befinden sich im Warenlager Computers zu folgenden Einstandspreisen:
- Bezugsjahr 2015: CHF 21‘600 inkl. CHF 1‘600 MWST
- Bezugsjahr 2016: CHF 32‘400 inkl. CHF 2‘400 MWST

Da die Computer im Warenlager nicht in Gebrauch genommen wurden, dürfen diese - unabhängig des Bezugsjahres - vollumfänglich entsteuert werden. Die Einlageentsteuerung beträgt insgesamt CHF 4‘000.

Zudem wurde im Jahr 2015 aktivierbare Verwaltungsinfrastruktur im Umfang von CHF 16‘200 (inkl. CHF 1‘200 MWST) bezogen. Diese wurde zeitgleich in Gebrauch genommen. Bei in Gebrauch genommenen Gegenständen darf die Vorsteuer nachträglich lediglich auf dem Zeitwert geltend gemacht werden.
Zur Ermittlung des Zeitwertes muss der Vorsteuerbetrag bei beweglichen Gegenständen für jedes abgelaufene Jahr um 20 % reduziert werden. Da die Jahre 2015 und 2016 bereits abgelaufen sind, ist das Vorsteuervolumen von CHF 1‘200 um 40 % zu reduzieren. Die Einlageentsteuerung beträgt somit CHF 720 (60 % von CHF 1‘200).

Fazit

Werden vor Eintritt der subjektiven MWST-Pflicht durch das entsprechende Rechtssubjekt MWST-belastete Investitionen und andere aktivierbare Anschaffungen getätigt, dürfen diese im Zeitpunkt der MWST-Registrierung auf dem Zeitwert entsteuert werden. Dies gilt jedoch lediglich für aktivierbare bzw. wertvermehrende Kosten, nicht jedoch für nicht aktivierbare bzw. laufende (werterhaltende) Aufwendungen. Diese gelten im Sinne der MWST quasi bereits beim Bezug als verbraucht.

Die GmbH darf in der MWST-Abrechnung des 1. Quartals 2017 in der Ziffer 410 - das Vorliegen sämtlicher formell und materiell korrekten Belege vorausgesetzt - eine Einlageentsteuerung von insgesamt CHF 4‘720 geltend machen.

Hinweis

Falls die Steuerpflicht bei der GmbH zu einem späteren Zeitpunkt wegfällt oder ein anderer Tatbestand einer Nutzungsänderung vorliegt, hat sie eine Vorsteuerkorrektur Eigenverbrauch (Gegenstück zur Einlageentsteuerung) vorzunehmen.



Von Graffenried AG Treuhand | www.graffenried.ch

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